Telemetrie Netzwerk Deutschland nimmt Gestalt an
Am 16.02.2026 trafen sich in Hamburg Wissenschaftler und Interessenvertreter, die am Thema Fischwanderungen in Deutschland arbeiten. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Projekten, die sich mit Fischwanderungen beschäftigen. Gerade bei der akustischen Telemetrie ergibt sich großes Synergiepotential, wenn die verschiedenen Projekte voneinander wissen und sich miteinander informell und technisch abstimmen. Dies betrifft in erster Linie natürlich Detektionen aus anderen Projektgebieten, aber auch was die Schließung von Lücken im Netzwerk bereits bestehender Empfangsstationen angeht.

Bei dem Treffen herrschte große Einigkeit, dass Zusammenarbeitet auf jeden Fall wünschenswert ist und vorangetrieben werden soll.
Alle Datenbankinformationen über Orte von Empfangsstationen und Projektinhalte sollen im ETN (European Tracking Network) abgelegt werden.
Darüber hinaus soll es eine Know-How-Börse für die verschiedenen Wissensgebiete zur Telemetrie geben. Dabei geht es um Themen wie Operationstechniken für spezifische Fischarten, Ausbringung und Testen von Empfangsstationen, aber auch um Wissenstransfer zur Beantragung von Genehmigungen.
Im Einzelnen wurden folgende Projekte in 5-Minuten-Vorträgen vorgestellt:
- Das Projekt „MigFish“ durch Lasse Marohn vom Thuenen Institut. Bei diesem akustischen Telemetrienetzwerk kommen 22 Innovasea und 9 Thelma (TBR 800) Empfänger entlang der Weser zum Einsatz. Zusätzliche Ergänzungen mit 20 Empfängern werden durch das Bundesamt für Gewässerkunde bereitgestellt, um in Nebenflüssen wie Aller und Wümme akustische Empfänger aufzustellen. Getrackt werden sollen Finten, Meerneunauge, Flussneunaugen und Aalquappen.
- Stefanie Felsing von der Landesforschungsanstalt MV berichtete über die Telemetrieprojekte zum Baltischen Stör in der Ostsee.
In freier WiIdbahn werden die Fische per GPS-Tracking und mittels akustischer Telemetrie verfolgt um herauszufinden welche Herausforderungen sie auf ihren Wanderwegen zu bewältigen haben und um Besatzkonzepte anzupassen. Im September 2022 wurden 145 Störe mit akustischen Sendern bestückt in die Ostsee entlassen. Es gibt 19 Receiver (Thelma TBR800) an 12 Orten. Als Problem nannte Sie, dass die Sender nicht immer eindeutige ID-Codes haben (Anbieter übergreifend) und dass es so doppelte Detektionen geben kann, die nicht schlüssig sind. Das Akustische Telemetrie-Netz soll mindestens 15 Jahre aufrecht erhalten werden. - Christoffer Nagel von der TU München (TUM) stellte seine groß angelegte PIT-Tag-Studie im Inn vor („Inn-PIT“). Auf 150 Flusskilometern sind 38 Antennen im Fluss, Nebengewässern und Fischwanderhilfen installiert. 12 Fischarten wurden mit PIT-Tags versehen, 28.000 Individuen. Es gab insgesamt 3.000.000 Detektion und die Detektionsrate betrug 34, 2 %. Dauer der Untersuchung 10 Jahre. Fische von 81-1200 mm (Mühlkoppe-Huchen) wurden mit Tags versehen.
- Camille Musseau vom IGB Potsdam berichtete vom Projekt „HaffStör“, das sich eng mit den zuvor genannten Aktivitäten in der Ostsee abstimmt. Es wird innerhalb des Stettiner Haffs mittels akustischer Telemetrie eine „heatmap“ der bevorzugten Aufenthaltsorte erstellt. Dabei zeigte sich, dass der Westteil des Haffs für die Wanderung der Störe irrelevant ist. Die verwendeten 47 Empfänger von der Fa. Thelma Typ TBR 800 empfangen drei verschiedenen Frequenzen 66, 67, und 71 KHz, um möglichst viele Detektionen zu erhalten.
- Felix Mittermayer von Geomar berichtete über die Projekte „SCHUFI – supporting the development of monitoring and protection concepts for fish“ und „HELGARN – das Helgoland Acoustic Receiver Network“ vor. Bei letzterem handelt es sich um ein engmaschiges Netzwerk aus Empfängern, die am Bodengrund mittels Schiff und Kamera ausgebracht werden, um den genauen Standort kontrollieren zu können, In dem Gebiet ist sicherzustellen das die Empfänger auf felsigem Untergrund gut platziert sind und wiedergefunden werden. Diese Installation ist Teil eines größeren Gesamtprojektes, das „DTO (Digital Twin of the Ocean)“ im Rahmen des ETN. Hiermit sollen die Einflüsse von baulichen Veränderungen im Meer, wie zum Beipiel Windparks, und deren Einfluss auf die Wanderungen von Fischen untersucht werden. Außerdem gibt es in der Kieler Bucht eine Netzwerk aus akustischen Empfängern mit dem Namen „KIBARN (Kiel Bight Acoustic Receiver Network)“.
- Natalie Klinard von Geomar berichtete über ihre Erfahrungen zum akustischen Telemetrie Netzwerk des Projeks „GLATOS (The Great Lakes Acoustic Telemetry Observation System)“, eine Kooperation von USA und Kanada an den Grossen Seen. Hier in Deutschland hat sie an einem akustischen Netzwerk am Müggelsee mitgearbeitet. Aktuell arbeitet sie an dem Projekt „TrackdAT“, bei dem die verfügbare wissenschaftliche Literatur zu telemetrischen Untersuchungen bereitgestellt werden soll. Die Datenbank ist schon unter TrackdAT: The acoustic telemetry database. verfügbar.
- Stephanie Haase vom Thünen-Institut berichtete, dass sie in der Ostsee die Bestandsentwicklung von Heringen, Plattfischen und Dorschen erforscht. In der Lübecker Bucht bei Boltenhagen ist ein Dorschtelemetriefeld mit 30 Empfängern eingerichtet, um den Rückgang von Dorschen zu verstehen.
- Matthias Schaber vom Thünen Institut in Bremerhaven berichtete von seiner Telemetriestudie mit dem Namen „http“ (Helgoland Tope Tagging Project) an Hundshaien bei Helgoland mittels GPS-Sendern. Wanderungen von Helgoland bis nach Südspanien wurden nachgewiesen. Im Bayerischen Rundfunk gibt es dazu diesen Film.
- Stefan Ludwig von der Naturschutzorganisation „Wanderfische ohne Grenzen“stellte seinen Kenntnisstand zu Wanderfischprojekten am Rhein und in der Weser vor. Im Einzugsgebiet des Rheins gibt es in den Niederlanden eine Vielzahl von Projekten, die sich mit der Wanderung verschiedener Fischarten beschäftigen. Rob Kroes ist ein Wissenschaftler, der für ATBK (Adviesbureau voor Toegepaste Kleinschalige Biologie) an einem akustischen Netzwerk bis an die deutsche Grenze beteiligt ist. Erplant, in Zusammenarbeitt mit deutschen Projekten aus Nordrhein-Westfalen, dieses Netzwerk nach Deutschland hinein zu erweitern. In der Schweiz gibt es mit dem EAWAG -Projekt „Climate change and fish movement patterns” vom Süden des Rheins ähnliche Bestrebungen Richtung Norden, so dass eine komplette Verfolgung von Wanderungen im Rhein von Meer bis in die großen Schweizer Nebenflüsse Aare und Reuss möglich ist. Beide Aktivtäten befinden sich in der Umsetzung. Die Empfänger arbeiten mit “Open Protocol” oder sollen auf “Open Protocol” umgestellt werden und stammen von Thelma, Innovasea oder Lotek. Eine Karte des Netzwerkes ist online verfügbar.
- Ryo Futamura vom IGB Potsdam berichtete von einem Langzeit 3D-Telemetrie Projekt im kleinen Döllnsee, der dem IGB gehört und frei von jeglicher Nutzung ist (siehe auch …). Dort sind 20 Empfangsstationen permanent installiert und verfolgen die Bewegungsmuster. Weiterhin berichtete er über eine Kooperation mit niederländischen Sportfischervereinen mit dem Namen „Perchtrack“ bei der mittels akustischer Telemetrie große Barsche verfolgt werden. Insgesamt sind 72 Barsche über 40 cm mit Akustiksendern der Fa. Lotek versehen worden und haben zusätzlich von außen sichtbare Floy-Tags erhalten. Angler werden gebeten, Wiederfänge unter www.sharkray.eu zu melden und die Fische danach wieder auszusetzen. Im Haringsvliet und im Hollandsch Diep (Teilearme des Rheindeltas) sind 80 Empfangsstationen an Bojen angebracht, um die Bewegungsmuster der Barsche zu ermitteln.
- Anna Schukat vom Alfred Wegner Institut berichtete über das „Skate“-Projekt bei dem geplant ist, in der deutschen Bucht für eine Langzeitstudie ein akustisches Receiver-Netzwerk zu installieren. Ziel dieses Projektes ist es, entsprechend der IUCN-Richtlinien Gründe für den Rückgang von Dornhaien und heimischen Rochenarten zu identifizieren und zu beseitigen.